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“Die Rahmenbedingungen für Start-ups müssen besser werden” - Interview mit Prof. Dr. Dietmar Harhoff, Direktor des Max-Planck-Instituts für Innovation und Wettbewerb und Vorsitzender der Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI)

  • 11.12.2014

Japans Start-up Szene entwickelt sich derzeit rasant. Insbesondere im Technologiebereich aber auch bei mobile Applikationen und Internet nimmt die Zahl der Gründungen, Investoren und Inkubatoren stetig zu. Allerdings gibt es noch viel Entwicklungspotenzial – nicht nur, was die Rahmenbedingungen betrifft, sondern auch in Bezug auf die Internationalität der Gründerszene. Wir haben Professor Harhoff bei seinem Besuch in Tokyo um seine Einschätzung gebeten.

Foto: David Ausserhofer

Professor Harhoff, Sie haben heute am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokyo aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen des deutschen Innovationssystems vorgestellt. Könnten Sie diese für uns nochmals kurz zusammenfassen?

Das deutsche Wissenschafts- und Innovationssystem ist in den letzen Jahren sehr viel leistungsfähiger geworden. Beispiele für Maßnahmen, die dazu beigetragen haben, sind die Hightech Strategie der Bundesregierung und Programme wie die Exzellenzinitiative oder der Pakt für Forschung und Innovation, mit dem die Mittel für außeruniversitäre Forschungseinrichtungen jährlich um 5% gesteigert wurden. Durch die Exzellenzinitiative wurde ein Wettbewerb zwischen den deutschen Universitäten geschaffen, der sich auch sehr positiv auf deren Positionierung auf internationaler Ebene ausgewirkt hat. Nicht zu vergessen ist aber auch, dass die deutsche Wirtschaft die privaten Aufwendungen für Forschung und Entwicklung massiv erhöht hat und mit ihren Exportleistungen trotz der Finanzkrisen sehr erfolgreich war.

Wo sehen Sie noch Verbesserungspotential?

Bei den Rahmenbedingungen für Spitzentechnologien zum Beispiel. Verstärkte Anstrengungen im Bereich Entrepreneurship, der Innovations- und Wachstumsfinanzierung und bei der steuerlichen FuE-Förderung sind unbedingt notwendig, um eine Vorreiterrolle auf Dauer zu sichern. Zudem ist es vor dem Hintergrund des deutschen Föderalismussystems sehr wichtig, eine gute Balance zwischen dem Einfluss der Länder und des Bundes im Bildungs- und Wissenschaftssystem zu finden.

Wie sieht es in Deutschland bei der Umsetzung von zukunftsträchtigen Forschungsergebnissen in marktreife Produkte aus?

In den frühen Stufen der Wissensschaffung und Forschung ist Deutschland im internationalen Vergleich sehr gut positioniert, auch bei der Patentierung. Wenn es aber um die Kommerzialisierung und den Aufbau von Produktionseinrichtungen geht, steht Deutschland nicht so günstig da wie beispielsweise Japan, Korea und inzwischen auch China.

Woran liegt das? Was machen Japan oder Korea besser oder anders als Deutschland?

Gerade in den asiatischen Ländern werden sehr kohärente Forschungs- und Kommerzialisierungsstrategien erarbeitet, Staat und Wirtschaft arbeiten also sehr eng zusammen und die Förderung geht teilweise sehr weit, nicht selten bis weit in den Produktionsbereich hinein. Das trägt auch dazu bei, dass Produzenten wie Samsung, LG und weitere Unternehmen sehr erfolgreich im globalen Markt agieren. Von Japan haben wir zum Beispiel gelernt, dass die Erstellung von foresight studies ein sehr wichtiges Instrument ist, um den Technologietransfer und Innovationen zu fördern und die Politik frühzeitig für neue Entwicklungen zu sensibilisieren.

Gibt es Forschungsbereiche, in denen der Wissens- und Technologietransfer in Deutschland besonders gut funktioniert?

Ja, in der Automobilindustrie, im Chemiesektor und im Maschinenbau gibt es sehr gut funktionierende Kommunikationslinien zwischen Unternehmen und Hochschulen, und die großen historischen Stärken dieser Branchen sind zum Teil auch darauf zurückzuführen. Schwierigkeiten haben wir besonders bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen außerhalb dieser etablierten Bereiche, also zum Beispiel bei ICT, Pharma und in den Lebenswissenschaften. Da funktioniert die Umsetzung in Anwendung noch nicht so gut.

Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Dafür sind verschiedene Gründe verantwortlich. Zunächst sollten wir im Hochschulbereich darauf achten, dass etablierte Studiengänge auch zügig an neue Entwicklungen angepasst werden, damit die Absolventen für die Industrie als Träger neuen Wissens zur Verfügung stehen. Weiterhin haben wir bisher Start-ups als Mechanismus des Transfers vernachlässigt. Die Kultur für die Gründung von Start-ups hat sich in letzter Zeit in Deutschland erheblich verbessert, aber die Rahmenbedingungen sind noch nicht optimal. Meiner Einschätzung nach stehen Japan und Deutschland hier vor ähnlichen Herausforderungen. Gleichzeitig ist zu würdigen, dass viele junge Menschen sich in Deutschland an Gründungsprojekten versuchen. Umso mehr sollte die Politik jetzt an den Rahmenbedingungen im Finanzierungs- und Steuersystem arbeiten. Steuerpolitik wird bei uns immer noch hauptsächlich mit Blick auf die großen Unternehmen gemacht - dabei treten dann Kollateralschäden für KMU und Gründungen auf. So müssen wir dringend dafür sorgen, dass Verlustvorträge junger Unternehmen für Investoren nutzbar bleiben. Dass die Rendite von Wagniskapitalinvestitionen in Deutschland hinter dem internationalen Standard zurückbleibt, hat viel mit den unzureichenden Rahmenbedingungen zu tun.

Welche Maßnahmen empfehlen Sie als Vorsitzender der Expertenkommission für Forschung und Innovation der deutschen Bundesregierung, um die Rahmenbedingungen für Forschung und Innovation generell zu verbessern?

Die deutsche Forschungs- und Innovationspolitik ist in den letzten Jahren in vielen Bereichen sehr erfolgreich gewesen, und dafür ist den Beteiligten ein großes Lob auszusprechen. Aber es ist schon verwunderlich, dass in der offiziellen Kommunikation immer nur die Erfolge genannt werden, nicht aber die großen Anstrengungen, die jetzt erforderlich sind, um das Erreichte zu sichern und auszubauen. Wir haben immer noch Schwächen im Wissenschaftssystem: hier muss die Förderung der Spitzeninstitutionen fortgesetzt werden, die Hochschulfinanzierung muss generell auch in der Breite ausgebaut werden. Einige Bundesländer stehlen sich da aus der Verantwortung heraus. Meine größte Sorge ist, dass die Aufbruchstimmung und Dynamik der letzten Jahre verloren geht - besonders ambitioniert kommt die deutsche Politik derzeit nicht daher. Wenn ganz Europa das Ziel hat, bis 2020 FuE-Aufwendungen in Höhe von 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu haben, dann kann ein Land, das Innovationsführerschaft für sich in Anspruch nimmt, nicht das gleiche Ziel verankern. Das ist weder logisch noch ein Ausweis von weitsichtigem Denken. Zudem hat die Umsetzung der vorliegenden Pläne durch die komplexen Abstimmungsprozesse in der großen Koalition an Fahrt verloren. Zusammengenommen: etwas mehr Bescheidenheit bei der Würdigung des Erreichten, mehr Ambitionen für die Zukunft und mehr Dynamik bei der Umsetzung - das wäre hilfreich.

 

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