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„Wir werden die strategische Partnerschaft mit Japan intensivieren“ - Interview mit Professor Dr. Johann-Dietrich Wörner, Vorsitzender des Vorstandes, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) anlässlich der Eröffnung des DLR-Büros in Japan

  • 28.02.2013

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) eröffnete am 27. Februar 2013 sein neues Büro in Tokyo. Die Aufgaben liegen in der Etablierung, Pflege und Fortentwicklung von Forschungs- und Technologiekooperationen aus allen Bereichen des DLR mit Japan und anderen Partnerstaaten der Region wie China, Südkorea oder Indonesien. Das Büro wird wie das DWIH Tokyo in der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Japan angesiedelt sein.

Herr Professor Wörner, Sie sind nach Japan gekommen, um das Japan-Büro des DLR zu eröffnen. Was hat den Ausschlag dafür gegeben, gerade jetzt eine Repräsentanz in Japan zu etablieren?

Japan und Deutschland sind Hightech-Nationen auf sehr hohem ingenieurtechnischen und wissenschaftlichen Niveau. Schon heute verbinden 25 Kooperationsabkommen und rund 40 Forschungsprojekte das DLR mit Japan, insbesondere mit der japanischen Raumfahrtagentur JAXA. Zudem kooperiert das DLR mit sieben japanischen Universitäten und Forschungseinrichtungen. Damit ist Japan neben den USA schon jetzt das wichtigste Partnerland für das DLR. Mit unserem neuen Büro in Tokio wollen wir eine strategische Partnerschaft mit Japan aufbauen und zudem unsere Kooperationen in Ost-Asien intensivieren. Das neue Büro wird die Interessen des DLR gegenüber wissenschaftlichen, politischen und industriellen Institutionen in Japan sowie anderen Partnerstaaten der Region wahrnehmen. Es soll die Kooperationsprojekte vor Ort betreuen und Entwicklungen in Politik, Forschung und Technologie in Ost-Asien analysieren.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte sollen bei der Zusammenarbeit mit Japan zukünftig gesetzt werden?

Japan hat ein anspruchsvolles und nachhaltiges Forschungs- und Entwicklungsprogramm nicht nur in der Luft- und Raumfahrt. So müssen unter anderem, ganz ähnlich wie Deutschland, neue Lösungen im Energiebereich entwickelt werden. Hier besteht ein großes Kooperationspotential, z.B. durch die japanischen Kompetenzen in der Batterie- und Verkehrsforschung. In der Raumfahrt sind neben den bisherigen Kooperationen in der Forschung unter Weltraumbedingungen, im Katastrophenmanagement, bei den Antrieben mit verflüssigtem Erdgas (LNG) und in der optischen Laserkommunikation vielfältige neue Projekte denkbar. Aktuelle Beispiele hierfür sind die DLR-Landesonde MASCOT auf der japanischen Kometenmission Hayabusa2, die Ende 2014 starten soll, sowie Forschungs- und Entwicklungskooperationen in der Erdbeobachtung, etwa bei den Satellitenmissionen MERLIN und GOSAT.

In der Luftfahrt finden seit etwa zehn Jahren jährlich Kooperationsgespräche zwischen JAXA und dem DLR statt. Schwerpunkte dabei sind dabei unter anderem die Bereiche der numerischen Strömungsmechanik, die globalen Navigationssatellitensysteme und die Scramjet- sowie Verbrennungstechnologien. Gerade in der Luftfahrtforschung gibt es noch ein großes Potenzial weiterer gemeinsamer Projekte. Darüber hinaus bestehen langjährige Beziehungen mit der Universität Tohoku in den Bereichen Temperature Sensitive Paint (TSP) und Pressure Sensitive Paint (PSP), Verfahren zur Messung von Temperatur und Luftdruck während des Fluges mit Hilfe von empfindlichen Farbbeschichtungen.

Japan hat in seinem kürzlich verabschiedeten Basisplan für Weltraumstrategie eine verstärkte Einbindung der Privatwirtschaft in der Raumfahrt beschlossen. Es sollen außerdem weniger staatliche Mittel in die bemannte Raumfahrt fließen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung im Vergleich zur Situation in Deutschland/Europa? Hat diese Entwicklung Einfluss auf die Zusammenarbeit des DLR mit JAXA?

Die weltweit veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verlangen nach Reaktionen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Auch wenn es sich im Bereich der Raumfahrtforschung um eine staatliche Aufgabe handelt, so muss bei Fragen der Nutzung der Raumfahrt, zum Beispiel bei den Trägerraketen, über neue Wege nachgedacht werden. Dabei kann es sich auch um eine zunehmende Privatisierung und Kommerzialisierung handeln. Weltweit gibt es Beispiele, dass dies gelingen kann. Mit der Gründung der Firma Arianespace, die die Ariane-Trägerraketen vermarktet, ist Europa sehr früh diesen Weg gegangen.

Auch wenn der von Japan jetzt eingeschlagene Weg keinen unmittelbaren Einfluss auf die deutsch-japanische Zusammenarbeit haben wird, so werden wir natürlich die Entwicklung aufmerksam beobachten und sehen, ob wir nicht noch etwas lernen können.

Sie lebten selbst in den 80er Jahren in Japan. Was fasziniert Sie persönlich an diesem Land?

Noch immer denke ich sehr gern an meine Zeit in Japan zurück. Es waren vor allem die Menschen, die mich mit Ihrer Herzlichkeit und Offenheit beeindruckt haben. Sehr aufmerksam verfolge ich die gesellschaftlichen Entwicklungen in diesem Land. Und es liegt in der Natur meiner Aufgabe, dass ich besonders der Wissenschaft nahe stehe und mich persönlich für den weiteren Ausbau der Kooperation unserer beiden Länder einsetze. Leider kann ich viel zu selten mein Lieblingsland Japan besuchen, nutze aber jede Möglichkeit.

 

 

 

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